Brodmann, Bösendorfer und die Last der Geschichte

Gegen Jahresende 2007 rückten die Turbulenzen rund um den Verkauf der Traditionsfirma Bösendorfer neben dem Namen des neuen Eigentümers Yamaha auch einen anderen Namen wieder ins Licht der Öffentlichkeit, der uns an die Wurzeln dieses für den Ruf des Wiener Klavierbaus so bestimmenden Unternehmens zurückführt: Joseph Brodmann. Unter diesem Namen hatte sich nämlich 2005 ein Betrieb etabliert, der sich um die Übernahme der Firma Bösendorfer bemühte und auf eine zumindest ideelle Verbindung mit dem legendären Lehrer Ignaz Bösendorfers großen Wert legte, in dem (nun sagen wir: nicht restlos durchsichtigen) Verkaufsverfahren aber schließlich dem japanischen Großunternehmen unterliegen mußte, das immerhin auch schon auf eine mehr als hundertjährige Erfahrung im Klavierbau verweisen durfte. Diese für die ambitionierten Klavierbauer der jungen Firma mit dem klangvollen alten Namen schmerzliche Niederlage war der erste Schicksalsschlag, dem in den folgenden Jahren noch etliche weitere folgen sollten, so daß die Nachricht vom Konkurs des Unternehmens im Mai 2014, also nicht einmal zehn Jahre nach seiner Gründung, nicht völlig überraschend kam.

Freilich war der Bezug der Firmengründer auf Joseph Brodmann ein etwas abstrakter, und es lag ihm keine wirkliche Verbindung zu dem berühmten Pionier des Klavierbaus zugrunde. So war etwa noch mehrere Jahre nach der Firmengründung auf der Website des Unternehmens zu lesen: „Josef Brodmann wurde 1763 im preußischen Eichswald (im heutigen Deutschland) geboren“, eine (später anerkennenswerter Weise korrigierte) Fehlinformation, die recht typisch für die im Internetzeitalter überhandnehmende Unart des unkritischen Abschreibens ist. Denn was die Jungunternehmer da über den Namenspatron ihrer Firma schrieben, konnte man auch schon 2002 im „Oesterreichischen Musiklexikon“ (immerhin mit Fragezeichen, aber nur bezüglich der gerade zutreffenden Jahreszahl) lesen.

Nun wäre es allerdings unbillig, von dem in der Österreichischen Akademie der Wissenschaft angesiedelten Redaktionskollegium dieses nationalen Nachschlagwerkes zu verlangen, alle aufgenommenen Informationen auch gleich auf ihre Richtigkeit zu überprüfen – vor allem wenn man bedenkt, welche Mühe es machen muß, möglichst keinen kommerziell erfolgreichen Schlagersänger zu übersehen, der sich dann darüber beschweren könnte (zum Glück kann man sich aber zum Ausgleich für diese Anstrengung einige großzügige Auslassungen bei verstorbenen Musikern leisten). Doch in diesem konkreten Falle wäre es recht leicht gewesen, sowohl die Quelle der Fehlinformation als auch den tatsächlichen Geburtsort einer für die Geschichte des Wiener Instrumentenbaus zentralen Persönlichkeit zu eruieren. Der Irrtum geht auf einen ganz banalen Flüchtigkeitsfehler im 1966 herausgegebenen Katalog der Sammlung alter Musikinstrumente des Kunsthistorischen Museums (I. Teil: Saitenklaviere) zurück, wo ein zerstreuter Redakteur aus „Eichsfeld“ kurzerhand „Eichswald“ gemacht hat. „Preußen“ wurde dann einfach hinzugedichtet – denn Preußen ist, oder vielmehr: war groß, und wer will es denn schon so genau wissen?

Sicher: kein weltbewegender Irrtum, nur eine kleine Flüchtigkeit. Aber könnte es nicht sein, daß eben jene, Tradition und Geschichte zwar ständig und vollmundig beschwörende, aber keine Geduld für das Détail und keine Zeit für den Rückblick in die Geschichte aufbringende Haltung auch für den unbestreitbaren (und wohl irreversiblen) Niedergang des Wiener Klavierbaus mitverantwortlich ist?

Im Eichsfeld, am Nordwestrand Thüringens und ziemlich genau in der Mitte des heutigen Bundesgebietes, liegt die kleine Gemeinde Deuna. Knapp über tausend Einwohner, Tendenz fallend. Die katholische Kirche St. Peter und Paul in der Sandgasse 3, Filialkirche von St. Marien in der Nachbargemeinde Niederorschel, eine kleine katholische Enklave inmitten fast rein protestantischen Territoriums, wird von Pfarrer Vinzenz Hoppe betreut. Hochwürden Hoppe ist freundlich und geduldig. Es dauert einige Zeit, bis er in einem der ältesten Bände des Taufregisters fündig wird: Band 20 verzeichnet auf Seite 192 die am 4. September 1763 erfolgte Taufe von Joseph Brodmann; die Eltern sind der Tischlermeister Johann Brodmann und dessen Frau Maria Elisabeth, geb. Schwert.

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Joseph Brodmann erlernt das Handwerk seines Vaters und geht anschließend auf Wanderschaft, die ihn 1783 nach Wien führt. Hier tritt er als Geselle bei dem jungen Orgel- und Klavierbauer Ferdinand Hofmann (1756?-1829) ein, der bald zu einem der erfolgreichsten Vertreter seines Gewerbes werden sollte und gegen Ende des Jahrhunderts mit seinen acht Mitarbeitern eine Jahresproduktion von über 50 Instrumenten erreicht ( – Hofmann hat man, wohl aus Angst, auch seinen Geburtsort nicht eruieren zu können, vor allem aber, um Platz für die allseits ersehnte Biographie des DJ Ötzi zu schaffen, in das „Oesterreichische Musiklexikon“ erst gar nicht aufgenommen). Am 14. Oktober 1796 – wenige Monate nach der Geburt seines späteren Schülers Ignaz Bösendorfer – leistet Brodmann den Bürgereid und eröffnet anschließend eine eigene Klavierwerkstatt in der Vorstadt Landstraße (Gemeingasse, heute Salmgasse), die er 1803 in die Josephstadt (Am Glacis 43, heute Lenaugasse 10) verlegt. Er gilt schon bald als einer der führenden Vertreter seines Faches und fungiert 1812 als Zweiter, 1813/14 als Erster Vorsteher des Gewerbes. 1813 tritt auch sein späterer Nachfolger Ignaz Bösendorfer (* Wien, 27. Juli 1796, wie Brodmann selbst Sohn eines Tischlers) als Lehrling bei ihm ein, dem er dann in Schuberts Todesjahr 1828 den Betrieb übergibt. Brodmann kann den weiteren Aufstieg seines Meisterschülers noch mitverfolgen – er stirbt erst am 13. Mai 1848, hochangesehen und unter Hinterlassung des beachtlichen Vermögens von 125.000 Gulden.

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Ignaz Bösendorfer bildete sich auf ausgedehnten Auslandsreisen weiter und durfte ab 1836 den Titel „K. k. Hof-Klavierverfertiger“ führen. Bei den Industrieausstellungen der Jahre 1839 und 1845 errang er Goldmedaillen; bei letzterer hatte er, wie auch seine Hauptkonkurrenten Seuffert, Schweighofer und Streicher, zwei Konzertflügel westeuropäischer Bauart ausgestellt: einen mit englischer Mechanik und einen mit Doppelrepetitionsmechanik nach dem französischen Vorbild von Erard. Doch zunächst verfolgte nur Streicher diesen Weg konsequent in die Serienproduktion weiter; erst nach Ignaz´ Tod (14. April 1859) wandte man sich unter der Firmenleitung von dessen älterem Sohn Ludwig Bösendorfer (* Wien, 10. April 1835) der serienmäßigen Produktion von Konzertflügeln mit englischer Mechanik zu, wobei nebeneinander ein geradsaitiges und ein kreuzsaitiges Modell angeboten wurde.

(Eines seiner Instrumente aus dem Jahre 1874, das 2007 im Klavieratelier Gert Hecher gründlich instandgesetzt worden war, konnte das Altenberg Trio Wien ab 2008 in einigen seiner Konzerte im Brahms-Saal des Wiener Musikvereins dem Publikum vorstellen. Es repräsentiert die ausgereifte Variante des kreuzsaitigen Modells 10, noch mit dem (nur wenige Jahre später in der Produktion durch einen Gußeisenrahmen ersetzten) verschraubten Schmiedeeisenrahmen. Es ist 260 cm lang und in Palisander furniert. Die Gußeisenrahmenvariante dieses Modells wurde noch bis um 1890 hergestellt; danach verlegte sich die Firma auf die Entwicklung grundlegend anderer Typen.)

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Unter Ludwig Bösendorfer stand die Firma, nicht zuletzt dank einer klug und umsichtig betriebenen Öffentlichkeitsarbeit, im Zenith ihres Ansehens. Schon im Jahr nach dem Tode seines Vaters eröffnete er die neue Produktionsstätte auf dem Alsergrund (Türkenstraße 9), der auch ein Konzertsaal angeschlossen war. 1862 begann in London die Reihe seiner Triumphe auf den Weltausstellungen (1873 Wien, 1900 Paris). 1870 eröffnete er die neue Fabrik auf der Wieden (Graf-Starhemberg-Gasse 14) und verlegte gleichzeitig das Verkaufslokal in das Liechtensteinsche Palais in die Herrengasse 6. Der dort 1872 in der umgebauten Liechtensteinschen Reitschule eröffnete Bösendorfer-Saal, der den Vorgängersaal in der Türkenstraße ablöste, war in den vier Jahrzehnten seines Bestehens Wiens erste Adresse für Kammermusik und der beste Werbeträger für den inzwischen international hochgeachteten Firmennamen. Bösendorfer wurde in diesen Jahren Hoflieferant nahezu aller regierenden Häuser. Auch dem äußeren Erscheinungsbild seiner Flügel schenkte Ludwig Bösendorfer besondere Aufmerksamkeit: Theophil Hansen, Hans Makart und Josef Hoffmann entwarfen luxuriöse Sondermodelle. 1909 verkaufte der kinderlose Ludwig Bösendorfer den Betrieb an den musikliebenden (und selbst als Komponist, Pianist und Cellist dilettierenden) Bankier Carl Hutterstrasser (1863-1942), nebenbei einen Pionier des Radrenn- und Skisports in Österreich. Als der Bösendorfer-Saal 1913 demoliert wurde, übersiedelte das Verkaufslokal der Firma in das Musikvereinsgebäude, wo es sich, trotz vielfachen Wechsels der Firmeneigentümer, bis heute befindet. Ludwig Bösendorfer starb zehn Jahre nach dem Verkauf des Betriebs am 9. Mai 1919 in Wien.

Der Last ihrer glanzvollen Geschichte konnten die Namen Brodmann und Bösendorfer nicht standhalten – aber ein Echo des mit ihnen verbundenen Klanges wird vielleicht in jenen raren Instrumenten bewahrt, die uns aus der Blütezeit des Wiener Klavierbaus erhalten blieben und heute wieder spielbar sind.